Familie Abraham

 

Selma Abraham. Foto: Yad Vashem

Selma Abraham. Foto: Yad Vashem

Alfred Abraham. Foto: Yad Vashem

Alfred Abraham. Foto: Yad Vashem

Schon im Zusammenhang mit der Ausstellung “Hattingen hat jüdisches Leben – Religion im Alltag” im Herbst 2013 war es dem Heimatverein gelungen, den letzten jüdischen Besitzern des Bügeleisenhauses ein Gesicht zu geben: Im Yad Vashem Archiv haben wir Portraits von Selma Abraham, geborene Cahn, und ihres Mannes, Alfred Abraham, recherchiert, die ab April 2016 in der Sonderausstellung FACHWERK.1611 zur Geschichte des Hauses und seiner Bewohner zu sehen sein werden.

Amalie und Nathan Cahn. Foto: Stadtarchiv Hattingen

Amalie und Nathan Cahn. Foto: Stadtarchiv Hattingen

Selma Cahn und ihre Zwillingsschwester Johanna erblickten am 7. Juli 1886 als Töchter des jüdischen Metzgerehepaares Norbert ursprünglich Nathan Cahn (16.11.1846-26.03.1933) und Amalie, geborene Schmidt (30.05.1847-18.07.1940) im Haus Haldenplatz 340 (damalige Hauszählung) das Licht der Welt. Das Haus war seit dem 1. November 1856 im Besitz der Familie der Mutter: Selmas Großvater, Salomon Schmidt, hatte das Haus von dem Tuchmacher Franz Sintern erworben, umgebaut und im Erdgeschoss eine Metzgerei mit Privatschlachtraum, Wurstküche und Ladenlokal eingerichtet.

Links im Bild: Die Metzgerei Kahn an der Bruchstraße 5. Foto: Stadtarchiv Hattingen

Links im Bild: Die Metzgerei Kahn an der Bruchstraße 5. Foto: Stadtarchiv Hattingen

Ende der 1960er Jahre: die arisierte Metzgerei Kahn heißt seit 1938 Metzgerei Stratmann. Foto: Werth/Sammlung Heimatverein

Ende der 1960er Jahre: die arisierte Metzgerei Kahn heißt seit 1938 Metzgerei Stratmann. Foto: Werth/Sammlung Heimatverein

Cahn führte wohl ab 1874 das Geschäft des Schiegervaters weiter. 1907 zog die Metzgerei in das Haus Bruchstraße 5, in dem ab 1910 Selmas Bruder Karl (in der Schreibweise Kahn) und seine Frau Amalie die „Rind- und Schweine-Metzgerei mit elektrischem Betrieb“ bis zur Arisierung fortführten. Im Oktober 1938 übernahm Wilhelm Stratmann das jüdische Geschäft. Die „Metzgerei Stratmann“ war bis zum Abbruch der Häuser entlang der Bruchstraße im Rahmen der Flächensanierung 1970 in Betrieb.

Mathilde Mühlhaus (Mitte) sowie das Ehepaar Karl und Amalie Cahn kurz vor der Deportation. Foto: Stadtarchiv Hattingen

Mathilde Mühlhaus (Mitte) sowie das Ehepaar Karl und Amalie Cahn kurz vor der Deportation. Foto: Stadtarchiv Hattingen

Die Cahns mussten wohl im Juni 1941 in das Hattinger Judenghetto, die alte Gewehrfabrik in der Nähe der Ruhrbrücke, umsiedeln. Wahrscheinlich gehörten sie und weitere 13 Hattinger Juden zu dem großen Transport, der am 27. April 1942 das Sammellager in der Turnhalle des Sportvereins „Eintracht“ am Dortmunder Rheinlanddamm in Richtung Zamosc bei Lublin verließ. Dort wurden sie ermordet.

Während Johanna Cahn 1913 das Elternhaus verließ und zu ihrem Mann, dem Viehhändler Albert Perlstein nach Kall in der Eifel zog, bliebt Selma noch länger bei den Eltern wohnen, die zwischenzeitlich in die Bruchstraße 40 umgezogen waren. Erst mit 41 Jahren heiratete die „gewerblose Selma Cahn“ am 3. Mai 1928 den 49-jährigen Metzger und Viehhändler Alfred Abraham aus Duisburg-Meiderich. Ihr Mann entstammte einer traditionellen Metzgerfamilie und hatte 1906 den elterlichen Betrieb in Meiderich übernommen. Selma zog nach der Hochzeit zu ihrem Gatten nach Meiderich, Unter den Ulmen 33. Aus erster Ehe hatte Alfred Abraham bereits drei fast erwachsene Söhne, Heinz (geboren 1907), Erwin (geboren 1908) und Werner (geboren 1911). Zwischen 1936 und 1939 wanderten die Söhne nach Paraguay bzw. Palästina aus und brachten sich so vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten in Sicherheit.

Grundbucheintrag zum Haus Haldenplatz 1. Foto: Lars Friedrich

Grundbucheintrag zum Haus Haldenplatz 1. Foto: Lars Friedrich

Am 19. Dezember 1940 musste das Ehepaar Abraham die Duisburger Wohnung verlassen und in das „Judenhaus“, Sonnenwall 92, umziehen. Nur ein Jahr später wurden die Beiden, vermutlich am 11. Dezember 1941, in das lettische Judenghetto Riga deportiert. Gemeinsam mit ihrem Ehemann wird Selma Abraham, geb. Cahn, am 15. Oktober 1964 durch Beschluss des Amtsgerichts Duisburg-Ruhrort für tot erklärt. Als Zeitpunkt des Todes ist der 31. Dezember 1945, 24.00 Uhr, festgestellt worden.

Grabstein von Selmas Eltern auf dem jüdischen Friedhof Hattingen. Foto: Lars Friedrich

Grabstein von Selmas Eltern auf dem jüdischen Friedhof Hattingen. Foto: Lars Friedrich

Der Heimatverein Hattingen/Ruhr hat die Patenschaft für den 2005 verlegten Stolperstein „Selma Abraham, geb. Cahn“ am Haldenplatz 1 übernommen. Der Verein will so an die letzte jüdische Eigentümerin des heute im Vereinsbesitz befindlichen Hauses erinnern, denn “der schlimmste denkbare Vorwurf, der einem Heimatverein gemacht werden könnte, ist der der Geschichtslosigkeit. Die jüngere Geschichte des Bügeleisenhauses kann von uns nicht ignoriert werden, da der Heimatverein des Jahres 1939 die ´Arisierung´ des damals seit ca. 100 Jahren im Besitz der Familie Cahn befindlichen Gebäudes aktiv betrieben hat. Der dazu noch vorhandene Schriftverkehr motiviert jeden heutigen Leser zu aktivem Handeln. Daher war es für uns keine Frage, dem immerwährenden Andenken an die letzte Eigentümerin, Frau Selma Abraham, geborene Cahn, ein Zeichen zu setzen.”

Weiterführende Informationen zu Selma Abraham und dem für sie vor dem Museum im Bügeleisenhaus verlegten Stolperstein finden Sie im Internetangebot des Hattinger Stadtarchives.

Der Stolperstein Haldenplatz 1.

Der Stolperstein Haldenplatz 1.

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