Das Bügeleisenhaus

Foto: Lars Friedrich/Hattingen

Behevte Mich Her Fvr Fewer Vnd Brandt
Wilhel Ellings Havs Bin Ich Genandt
Alle Die Mich Kennen Den Gebe Gott
Was Sie Mir Gvnnen Anno 1611

(LRF) Der farbig gestaltete Eichenholzbalken über der Eingangstür verkündet es nun schon seit dem Jahr 1611: dieses markante Haus auf dem Platz hinter dem 1576 errichteten mittelalterlichen Rathaus wurde von dem Hattinger Bürger Wilhelm Elling und seiner Frau Gertrud erbaut.

Die besondere Lage des zweigeschossigen Baus, der durch seinen grundstücksbedingt eigenwilligen Grundriss und einem heute nicht mehr erhaltenen Pferdestall an der Stirnseite an ein Plätteisen erinnert und deshalb gerne „Bügeleisenhaus“ genannt wird, lässt vermuten, dass Elling einem recht finanzkräftigen Stand angehörte – vielleicht dem der Kaufleute. Zumindest reichte sein Vermögen aus, zwischen 1620 und 1630 den ehemals vor dem Haus gelegenen, fast sechs Meter tiefen Grundwasserbrunnen mit einem trapezförmigen Anbau zu überbauen, um das Gebäude für seine Familie zu erweitern. An der Eingangsseite sind die beiden Gebäudeteile heute anhand der unterschiedlichen Ornamentik der stützenden Knaggen gut zu erkennen und auch im Hausinneren ist der erste Giebel des Haupthauses mit seinen innen liegenden Fenstern und Knaggen noch zu entdecken. Übrigens: Hier ist das Museum im Bügeleisenhaus auch auf Facebook aktiv: https://www.facebook.com/BuegeleisenhausHattingen

Foto: Lars Friedrich/Hattingen

Im 18. Jahrhundert ging das Fachwerkgebäude in den Besitz eines Tuchmachers über, der wohl in der Wohndiele seinen Handwebstuhl aufstellte. Mit Gründung des Hattinger Hüttenwerkes und dem Niedergang der heimischen Tuchindustrie verkaufte der letzte Weber im Haus, Franz Sindern, im Jahre 1856 das Gebäude an Salomon Schmidt. Der Metzger jüdischen Glaubens modernisierte das Fachwerkgebäude, das in der sich aufaddierenden Gebäudezählung zwischenzeitlich die Hausnummer 340 bekommen hatte, mit einer Wurstküche, einem Schlachtraum und dem heute noch erhaltenen klassizistischen Ladenfenster neben der Eingangstür. 1874 kam das Haus in den Besitz der Tochter Amalie Schmitz und ihres Mannes, Nathan Cahn, der bis 1907 das Geschäft unverändert weiterführte und die Metzgerei dann in das benachbarte Haus an der Bruchstraße 5 verlegte. Das „Bügeleisenhaus“ an dem erst seit 1891 so genannten Haldenplatz diente fortan als Mietshaus.

Wenige Tage nach der Reichspogromnacht vom 9./10. November 1938 versuchte der Hattinger Heimatverein, das Haus in seinen Besitz zu bringen, um – knapp drei Jahre nach der „Weihefeier“ des Heimatmuseums im Alten Rathaus – dort ein weiteres Museum einzurichten. Im Januar 1939 unternahm dann der damalige Vereinsvorstand einen erneuten Versuch und beantragte bei der NSDAP-Ortsgruppe die „Arisierung“ des auf einen Wert von 3.900 Reichsmark taxierten historischen Gebäudes. 1941 wurde das Haus als jüdisches Eigentum dann tatsächlich dem Oberfinanzpräsidenten von Westfalen zur Verwertung übertragen, doch weil sich wegen des schlechten baulichen Zustandes kein Käufer fand, erfolgte im Juli 1942 die Enteignung der Immobilie zugunsten des Deutschen Reiches.

Foto: Lars Friedrich/Hattingen

An die letzte jüdische Besitzerin des Hauses, Selma Abraham geb. Cahn, die 1942 wahrscheinlich im lettischen Judenghetto Riga umgekommene Erbin von Amalie und Nathan Cahn, erinnert seit Dezember 2005 der erste Hattinger Stolperstein im Pflaster vor dem Ellingschen Haus. 1945 kam das verwohnte und stark heruntergekommene, im Bombenkrieg jedoch kaum beschädigte Haus zunächst in den Besitz einer jüdischen Treuhandgesellschaft, der Jewish Trust Corporation (JTC). Obwohl zunächst der Abriss des bereits 1909 vom Provinzial-Konservator A. Ludorff als schützendwertes Denkmal bezeichneten „Renaissance- Fachwerks“ unvermeidbar schien, waren dort noch bis zum Beginn der 60er Jahre Kriegsflüchtlinge und Heimkehrer untergebracht; zeitweise lebten hier bis zu sieben Familien.

Ab 1953 verhandelte der erste Nachkriegs- Vorstand des Hattinger Heimatvereins mit der JTC erneut über die Übernahme des Hauses, doch erst am 11. Juli 1955 konnte der Verein das Grundstück nebst Gebäude für 2.000 Mark mit dem Ziel erwerben, nach der Sanierung dort ein „Heimatzentrum“ zur „heimatgebundenen Kulturpflege“ einzurichten. Bis zu dessen Eröffnung am 17. Oktober 1962 wurden u. a. die Verschieferung der Giebelseite entfernt, der vorgelagerte Stall abgebrochen und zahlreiche große Fenster zurückgebaut, so dass nahezu das ursprüngliche Baubild neu entstand. Nur die Treppenanlage in der Halle und das Schaufenster bleiben nahezu unverändert.

Foto: Lars Friedrich/Hattingen

Unter der kontinuierlichen Führung des schon 1921 gegründeten Heimatvereins Hattingen-Ruhr ist zwischenzeitlich aus dem einstigen Heimathaus, das in den 60er und 70er Jahren mit den „Wappen abgetretener deutscher Gaue“ in der Halle und drei ostdeutschen Heimatstuben schwerpunktmäßig an die Geschichte der Heimatvertrieben erinnerte, ein zeitgenössisches kulturgeschichtliches Museum entstanden. Neben Wechselausstellungen zu heimatkundlichen Themen und Ausstellungen zeitgenössischer Kunst erinnert der Verein im „Bügeleisenhaus“ dauerhaft an die heimischen Künstler Hildegard Schieb (Malerei) und Otto Wohlgemuth (Literatur). Breiten Raum nimmt auch die Würdigung des Hattinger Oberstudienrats und langjährigen Vorsitzenden des Heimatvereins, Dr. Heinrich Eversberg, ein. Unter seiner Beteiligung entstanden in den ersten Nachkriegsjahrzehnten erste Masterpläne zur Erhaltung der Hattinger Altstadt; zudem wird sein Engagement bei den Ausgrabungen der Burgen in Essen Burg-Altendorf und auf dem Isenberg dargestellt, deren Funde teilweise im Ellingschen Fachwerkhaus am Haldenplatz Nummer 1 zu sehen sind.

Heute kann zu Recht davon gesprochen werden, dass das Ellingsche Haus eines der markantesten und dank Bierwerbung, Autobahnschild, Porzellanmodell, Postkartenmotiv oder Pralinenaufdruck auch bekannteste Haus in der Hattinger Altstadt ist – auch wenn mindestens zwei Hattinger Häuser ähnlich kuriose Gebäudezuschnitte aufweisen. Zwischenzeitlich hat sich aber zum Glück 400 Jahre lang das erfüllt, was die Zimmerleute 1611 in den Eichenholz- Hausbalken über der Eingangstür schnitzten: Gottes Segen und Bestand trotz Pest und Brand.

Weiterführende Literatur:
• „1611 – 2011: 400 Jahre Bügeleisenhaus“, Festschrift des Heimatvereins Hattingen-Ruhr e.V., Edition Paashaas Verlag, Hattingen 2011
• „Hattingen – Ansichten zu einer Stadt“, Walter Ollenik und Jürgen Uphues, Klartext-Verlag, Essen 2007
• „Stolpersteine“, Thomas Weiß , Veröffentlichungen aus dem Stadtarchiv Hattingen, Hattingen 2005
• „Hattingen-Chronik“, Thomas Weiß, Klartext-Verlag, Essen 1996
• „Hattingen – Zum Baubestand einer westfälischen Kleinstadt vor 1700“, Fred Kaspar und Karoline Terlau, Coppenrath-Verlag, Münster 1980
• „Stadt und Land Hattingen“, Hattinger Heimatkundliche Schriften Nr. 10, Heimatverein Hattingen, Hattingen 1962
• „Die Bau- und Kunstdenkmäler von Westfalen – Kreis Hattingen“, Provinzial- Verband der Provinz Westfalen, Münster 1909

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