Hansestadt Hattingen

Als kleine westfälische Hansestadt wird Hattingen dem rheinisch-westfälischen Drittel (ab 1554 zum Kölner Quartier) zugerechnet, das von 1450 bis 1469 und wieder ab 1554 durch die Stadt Köln als Vorort innerhalb der Städtehanse repräsentiert wurde.

Älteste Darstellung der Stadt Hattingen um 1659. Landesarchiv NRW, Kartensammlung A, Nr. 7418

Älteste Darstellung der Stadt Hattingen um 1659. Landesarchiv NRW, Kartensammlung A, Nr. 7418

Auf den Drittels- bzw. Quartierstagen wurden die Interessen der Stadt Hattingen von ihren Prinzipalstädten, dem hansischen Doppelquartier Hamm/Unna, wahrgenommen. Hierfür zahlte Hattingen (als Beistadt 2. Ordnung) einen Anteil der Reise- und Aufenthaltskosten der Gesandten (Kontribution). (2) Im Gegenzug profitierten Hattinger Kaufleute in Lübeck, Danzig, Reval, Riga, Stockholm, Prag und Antwerpen (1) vom Fernhandel „über Sand und See“, von überregionaler Interessensvertretung und von Zoll- und Abgabenfreiheit.

Es ist heute schwierig, Hattingens Stellung in der damaligen hansischen Organisation korrekt einzuordnen, da eine lokale Überlieferung zur hansischen Geschichte kaum existiert. Die Hinweise auf Hattingen als Hansestadt haben wir daher aus unterschiedlichen Quellen zusammenfassen müssen – auch dann, wenn Hattingen z.B. nur als Namenszusatz genannt wird. Kursiv dargestellte Ereignisse stehen nur mittelbar mit der frühen Kaufmanns- und der späteren Städtehanse in Verbindung.

1293
Der 13. Hochmeister des Deutschen Ordens, Konrad von Feuchtwangen (* vor 1230- 1296), bittet König Eduard I. (1239-1307), den Bürger Gerhard von Hattingen zu entschädige, da diesem und Konrad vom dem Stege aus Preussen in England Waren im Wert von 500 Mark Sterling geraubt wurden (8).
1369
In Riga werden in Pfundzollquittungen Thidekin, Werner und Wessel von Hattingen genannt. (15)
1396
Am 2. Juli 1396 wird der Vertrag über die Befestigung der Freiheit Hattingen zwischen Graf Dietrich II. von der Mark als Landesherren und dem Bürgermeister und Rat abgeschlossen. (3)
1397
Der Landesherr verleiht am 16. Juni 1397 Hattingen das Siegel mit dem Georgs-Ritter. (3)
1407
Am 29. April 1407 bewilligt der Landesherr
Adolf II. von Kleve-Mark der Stadt, ein Wegegeld für auf Pferden und Wagen aus der Stadt gebrachte Waren zu erheben. (3)
1412

Schon 1412 hatten sich Handwerk und Fabrikation in Hattingen auf Grund der verkehrsgünstigen Lage so weit ausgebreitet, dass am 02. Februar der Magistrat eine Gildeordnung für die 1. Kaufleute und Bäcker, 2. Fleischhauer sowie Gerber und Schuhmacher und  3. Schmiede und Schreiner festsetzte. Besonders die später gegründete Gilde der 4. Tuchmacher erlangt überregionale Bedeutung. (3)
1435
Am 20. Juli 1435 verleiht Herzog Adolf den Bürgern der Stadt das Recht, an jedem Dienstag einen freien Wochenmarkt und vier Jahrmärkte innerhalb der Stadt abzuhalten. (3)

1454
Lübeck gibt am 1. November 1454 dem Heinrich Kremer von Hattingen einen Terling (Ballen) englischen Leinen heraus. (9)
1464
In einem Brief an Münster und weitere westfälische Städte, darunter auch die Stadt „Attinghen“ (= Hattingen), berichtet die Stadt Deventer am 12. November über die Zwistigkeiten „mit den Holländern“, die Handelsprivilegien Deventers verletzt hätten. (10)
1470
Johann I. von Kleve-Mark verleiht nach einer Streitigkeit innerhalb der fürstlichen Familie am 16. August 1470 der Stadt Hattingen gemäß dem hansischen Statut erneut die Zollfreiheit für ein- und ausgeführte Waren in Unna, das Vorort der kleinen Hansestädte in der Grafschaft Mark ist. Diese hansische Zollfreiheit in Unna galt schon vor dem Beginn der Streitigkeiten, die 1430 begann. (3)
1473
Ailbert von Hattingen wird als „städtischer Unterkäufer“ in Köln in Zusammenhang mit Streitigkeiten um einen Ballen Seide genannt (11) und Gherd von Hattingen wird als Bergenfahrer in Lübeck erwähnt. (15) Im 15. Jahrhundert ist in Hattingen auch der Churfürstliche Hanse-Richter Hermann Mergenbaum tätig. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wird bei Reparaturarbeiten auf dem Margenbaumschen Hof nahe der Lembeck über der Hautür ein Glasfenster geborgen, auf dem Name und Funktion „eingebrannt waren“. (3)
1478
Landesherr Johann II. von Kleve-Mark verleiht Hattingen das Recht, eine große Waage aufzustellen und Waagegeld zu nehmen. Zudem wird auf dem Markt von auswärtigen Kaufleuten ein Standgeld und für ausgeführtes Fassbier ein Ausfuhrzoll erhoben. (3)
1503/1504
Der Rat der Stadt Hamm wird – wie schon für die Stadt Unna – auf Verlangen der Hattinger ab Januar 1504 Berufungsinstanz für Hattinger Gerichtsprozesse. (5)
1515
In Hattingen wird Heinrich Cramer von Clausbruch geboren (gestorben am 3. November 1599 in Leipzig), der nach seiner Lehre in Antwerpen als Großkaufmann erfolgreich in Leipzig tätig ist. (4)
1532
Hattingen hat eine Einwohnerzahl von rund 1.000. Im 16. Jahrhundert werden in Hattingen wohl drei Haupthandelsgüter umgeschlagen: das in den Speicherhäusern am Kirchplatz gelagerte Getreide aus dem Norden, Schmiedeeisen aus dem südlichen Bergland sowie Wolltücher und Laken, die vor Ort aus spanischer Wolle hergestellt wurden. (3) Noch heute erinnern die Straßenbezeichnungen Krämersdorf, Flachsmarkt sowie Ober– und Niedermarkt (Benennung von 1841; heute: Untermarkt) an die Stadtbereiche, in denen die Kaufleute tätig waren. (14) Im 16. und 17. Jahrhundert etwickelte sich Hattingen zu einem wichtigen Marktort für den bergisch-märkischen Grenzbereich, besonders im Pferdehandel. (16)
1545
Der in Hattingen geborene Kaufmann Evert Stortelberg (Eberhard Störtelberg), der im Ostseeraum flandrisches Tuch handelte, wird Bürgermeister von Lübeck. (3)
1549
Hamm und Unna erhalten als Hauptstädte der Grafschaft Mark das Recht, die kleineren, der Hanse zugewandt märkischen Städte, zu vertreten. Anfang Oktober 1549 hatte Unna auf dem Drittelstag in Köln behauptet, für zwölf märkische Städte bevollmächtigt zu sein. Daraufhin wurden Hamm und Unna zu Prinzipalstädten eines neuen hansischen Doppelquartiers erhoben, denen neben Hattingen auch Altena, Bochum, Breckerfeld, Iserlohn, Kamen, Lüdenscheid, Lünen, (Neuen-) Rade, (Berg-) Neustadt, Plettenberg und Schwerte zugewiesen waren. Diese Maßnahme sollte sich gegen Dortmunds hansische Vorortstellung in Westfalen richten. Später beanspruchten Hamm und Unna noch als Hansestädte 3. Ranges, die Orte Blankenstein, Hörde, Wattenscheid, Westhofen und Wetter, die durch die Stadt Bochum vertreten wurden. (13)
1554
Die wendischen Hansestädte Lübeck, Wismar, Rostock, Stralsund, Greifswald, Hamburg und Lüneburg wollen den Sonderweg Westfalens stoppen und legen im Mai 1554 einen neuen Bundesentwurf vor: Die große Zahl an vor allem sehr kleinen Städten in Westfalen, die sich an der Hanse beteiligen, sollte städterechtlich gestrafft werden. Um diesen zu unterlaufen, hatte Köln sein Drittel vom 12. bis 15. Februar nach Wesel einberufen. Dort wurde festgelegt, dass Städte als Beistädte einer Prinzipalstadt als zur Hans gehörig anerkannt werden, wenn diese die Kontribution zahlen. Hamm und Unna erklären daraufhin erneut, dass die ihr untergeordnete, 17 Städte nach den Rezessen ihren finanziellen Beitrag leisten – und somit zur Hanse gehören. Beim Kölner Dritteltag in Wesel ist auch der Bürgermeister der südwestfriesischen Hansestadt Bolsward anwesend, Davis aus Hattingen. Für eine Auflistung der kleineren märkischen Mitgliedstädte wird am 18. oder 28. März 1554 auch neuerlich die Zugehörigkeit des „Fleckens“ Blankenstein zum Hansebund beurkundet. (2)
1567
Im Zusammenhang mit einer hansischen Maßnahme gegen England (Ausfuhrzoll für Laken) wird Hattingen genannt. (3)
1570
Herzog Albrecht Friedrich von Preussen (1553-1618) fragt am 12. Dezember schriftlich in Danzig an, ob Dirk von Hattingen ein Freibeuter Danzigs sei und ob Bartel Dran sein Kapitän sei und er Hattingens Bestallung bei sich habe. (12)
1571
Die Stadt Danzig teilt Herzog Albrecht Friedrich von Preussen mit, dass Dirk von Hattingen ein Untergebener des polnischen Freibeuterkapitäns Jorgen Dran sein könne, jedoch nichts mit Danzig zu tun habe. (12)
1573
In einem Bruderstreit bittet Danzig den Herzog Wilhelm von Kleve und Jülich (1516-1592), dieser möge dem seit 1551 als Kaufmann tätigen Hans Maler aus Hattingen „zur Durchführung der aus gemeinsamen Handelsgeschäften erwachsenen Ansprüchen“ gegen seiner Bruder Eberhard Maler, Bürgermeister zu Hattingen, zu verhelfen. (12)
1574
Georg von Laffarden bittet am 4. September 1574 den hansischen Syndicus Dr. Heinrich Sudermann in London um Bestätigung seines für das Londoner Kontor gegebene Hanse-Zeugnis für den aus Hattingen („wilchs bei dem cuntoir wert gehalten vor aine hanssestat“) unter Hamm gebürtigen Konrad Kilmhan. (7)
1589
Wohl 1589, also kurz nach Baubeginn der Stadtmauer (1586 bis 1590), wird auf einem Blockstein in der Nähe der Steinhagener Wäsche, wo die Handelswege aus dem südlichen Hügel- und Bergland am Steinhagen-Tor zusammenlaufen, eine Inschrift eingemeißelt, die Hattingen als „Hansestadt“ ausweist. Diese Inschrift ist wohl um 1818 noch erhalten. (3)
1650
Hildebrand Vollmer wird am 3. Februar zum „Hansgrafen“ ernannt, der auf den Jahrmärkten die Maße und Gewichte zu überwachen hat (siehe auch 1699). (5)
1669
Im Juli 1669 fand in Lübeck ein letzter Hansetag statt, nachdem die Wiederbelebung der Hanse durch den Dreißigjährigen Krieg gescheitert war. Es kamen nur neun Delegierte und sie gingen ohne Beschlüsse zu fassen auseinander. Die Hanse wurde „sanft“ beendet.
1699
Die letzte Nennung der Stadt Hattingen in einem hansischen Kontext stammt aus dem „Liber Hanseaticus“ (Statuten und Protokolle der „Wand-Hanse“ des Kaufamtes zu Werl), in dem bei der Wahl des Werler „Hanse Gravii“ (Hansgrafen) im Jahre 1699 ein Diederich Kopman aus Hattingen erwähnt wird. (1) Die Germanistin Ruth Schmidt-Wiegand hat 1982 das Hansgrafenamt in Westfalen „als ein Relikt aus älterer Zeit“ bezeichnet, so dass man daraus keine aktive Hanse(zugehörigkeit) schließen sollte. (4)

Die Neuzeit der Hanse

Die Verbundenheit Wesels zur Hanse spiegelt sich im „Hanseband“ wider, das sich durch die Fußgängerzone zieht. Es ist ein anthrazitfarbenes Steinband auf dem die Namen von 185 Städten abgebildet sind, die dem Hansebund der Neuzeit oder dem Westfälischen Hansebund angehören. Foto: Lars Friedrich

Die Verbundenheit Wesels zur Hanse spiegelt sich im „Hanseband“ wider, das sich durch die Fußgängerzone zieht. Es ist ein anthrazitfarbenes Steinband auf dem die Namen von 185 Städten abgebildet sind, die dem Hansebund der Neuzeit oder dem Westfälischen Hansebund angehören. Foto: Lars Friedrich

1980
Gründung des internationalen Hansebundes Neue Hanse in Zwolle in den Niederlanden als „Lebens- und Kulturgemeinschaft der Städte über die Grenzen hinweg“.
1983
Gründung des Westfälischen Hansebundes in Anlehnung an den Internationalen Städtebund DIE HANSE als loser Verbund ohne eigene Rechtspersönlichkeit mit Sitz in Herford.
1988
Als Stiftung der Sparkasse Hattingen wird am 24. Mai von Bürgermeister Günter Wüllner an der Stadtmauer am Steinhagen eine Messingtafel angebracht, die Hattingen als eine Hansestadt des 15. und 16. Jahrhunderts ausweist.
1996

Mit Ratsbeschluss vom 02. Juli 1996 tritt die Stadt Hattingen dem Westfälischen Hansebund bei (seit 2017 „Westfälische Hanse“)
2009
Die rheinischen Städte Kalkar, Wesel, Emmerich am Rhein und Neuss gründen die Rheinische Hanse.
2012
Am 6. Februar 2012 bewirbt sich die Stadt Hattingen um die Ausrichtung des 37. Westfälischen Hansetages 2020
2013
Gründung des Wirtschaftsbundes HANSE am 13. Juni 2013 in Herford. Der Wirtschaftsbund gibt das Tiding Magazin der Wirtschaftshanse heraus. Hattingen ist NICHT Mitglied der Wirtschaftshanse.
2015
Am 06. Juni 2015 wird die Stadt Hattingen zusammen mit Boston in Lincolnshire (England) als Mitglied in der internationalen Neuen Hanse aufgenommen. Hattingen ist jedoch NICHT Mitglied im Hanse-Web.
2016
Am 06. Oktober 2016 tritt die Stadt Hattingen formal dem neu gegründeten Verein Westfälischer Hansebund e.V.  bei.
2017
Am 12. August gibt Hattingen Marketing bekannt, dass der 37. Westfälische Hansetag am 15. und 16. August 2020 gefeiert wird. Arbeitstitel: „Atstadtfest meets Hansetag“.

 

Zusammengestellt von Lars Friedrich, Vorsitzender des Heimatvereins Hattingen/Ruhr e.V. und Mitglied im HANSISCHEN GESCHICHTSVEREIN mit Sitz in Lübeck, unter Berücksichtigung nachstehender Quelllen:

(1) Weiß, Thomas (2016): Hansestadt Hattingen. http://www.hattingen.de, abgerufen am 13.08.2017
(2) Gurk, Bernhard (2000): Die Hanse und Westfalen. Ein Aufbruch nach Europa.
(3) Fischer, Helmut (1979): Geschichtliche Nachrichten aus Stadt und Land Hattingen, darin Chronik des Bürgermeisters Adolf Rautert, veröffentlicht von seinem Sohn 1832
(4) Ruth Schmidt-Wiegand (1982): Hanse und Gilde. Organisationsformen im Bereich der Hanse und ihre Bezeichnungen
(5) Weiß, Thomas (1996): Hattingen-Chronik
(6) Kölner Inventar (1896): Band 1 1531-1571
(7) Kölner Inventar (1903): Band 2 1572-1591
(8) Höhlbaum, Konstantin (1876): Hansisches Urkundenbuch, Band 1 (975-1300)
(9) Stein, Walther (1899): Hansisches Urkundenbuch, Band 8 (1451-1463)
(10) Stein, Walther (1903): Hansisches Urkundenbuch, Band 9 (1463-1470)
(11) Stein, Walther (1907): Hansisches Urkundenbuch, Band 10 (1471-1485)
(12) Inventare Hansischer Archive des 16. Jahrhunderts (1913), Band 3: Danzig
(13) Timm, Willy (1983): Unna und die Hanse
(14) Darpe, F. G. (1909): Geschichte des Kreises Hattingen
(15) Dösseler, E. (1963): Die Grafschaft Mark und der deutsche Ostseeraum. Auswanderung in die Ostseestädte vom 13. bis 18. Jahrhundert mit besonderer Berücksichtigung der Hansezeit. in Der Märker Nr. 9/63
(16) Ehrenpreis, Stefan (1994): Von Antwerpen nach Moskau. Handelsbeziehungen Hattinger Kaufleute im 16. Jahrhundert, im Jahrbuch des Vereins für Orts- und Heimatkunde in der Grafschaft Mark 92. Jahrgang

Stand: 08.10.2017

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