Mit einer Städtepartnerschaft auf dem Weg zur Einen Welt

Chronik der missglückten Hattinger Städtepartnerschaften. Grafik: LRF

Chronik der missglückten Hattinger Städtepartnerschaften. Grafik: LRF

„Freundschaft, nicht Geburt, macht uns zu Brüdern.“
Friedrich Schiller, 1787

„Eine Partnerschaft zwischen der Stadt Hattingen und einer englischen, polnischen oder rumänischen Stadt bekommt als Beitrag für ein friedlicheres Zusammenleben der Völker meine volle Unterstützung. Aktuell gibt es wohl 7.193 Städtepartnerschaften zwischen deutschen und ausländischen Kommunen, in deren Rahmen
sich schätzungsweise über 3 Millionen Bürger jährlich freundschaftlich begegnen. Die NRW-Kommunen pflegen rund 1.055 Städtepartnerschaften und Freundschaften sowie Kontakte zu Städten im In- und Ausland. Ca. 90 % der deutschen Städtepartnerschaften sind in Ländern der EU und sie haben einen erheblichen Anteil am Gelingen des europäischen Integrationsprozesses.

Dass deutsche Städte gezielt Partnerschaften mit deutschen und ausländischen Städten eingehen, etablierte sich vor allem in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Die wichtigsten Ziele: Die Feindschaft der Völker beizulegen sowie zur freundschaftlichen und friedlichen Verständigung beizutragen. Mittlerweile gibt es etliche partnerschaftliche Beziehungen zwischen Städten und Kommunen aus aller Welt.

Bereits 1960 hatte der Heimatverein eine Städtepatenschaft angeregt, doch die Politik hatte abgewunken – so wie auch in den Folgejahren immer wieder eine Verschwisterung mit anderen Städten und Gemeinden im Ratssaal abgelehnt wurde. Hier eine wahrscheinlich unvollständige Chronik der missglückten Hattinger Städtepartnerschaften seit 1960:

1960: Der Heimatverein regt eine Städtepartnerschaft mit einer DDR-Stadt an
1962: Die Verwaltung regt eine Städtepartnerschaft mit einer DDR-Stadt an
1987: Bürgermeister Wüllner regt eine Partnerschaft mit einer DDR-Stadt an
1988: Stadtdirektor Augstein bittet den Staatsratsvorsitzenden Honecker um Vermittlung einer DDR-Stadt als Partnergemeinde
1988: Stadtdirektor Augstein regt einen Partnerschaft mit Vise in Belgien an
1990: Bürgermeister Wüllner strebt Partnerschaft mit einer DDR-Stadt an
1990: Ein VHS-Sprachkurs regt an, eine Partnerschaft mit Villeneuve-d’Ascq in Frankreich einzugehen
1990: Meerane in Sachsen gibt Hattingen einen Korb in Sachen Städtepartnerschaft
1996: Kunstprofessor Matthes schlägt eine Partnerschaft mit Köthen in Sachsen-Anhalt vor
1998: Thomas Röthig regt eine Städtepartnerschaft mit Lens in Frankreich an
1998: Bürgermeister Liebig kann sich eine Partnerschaft mit Kunshan in China vorstellen
2002: Die Sizir in der Türkei bietet Hattingen eine Partnerschaft an
2005: Bürgermeisterin Goch kann sich eine Partnerschaft mit Kilinochchi in Sri Lanka vorstellen
2007: Bürger regen eine Partnerschaft mit einer Stadt in Frankreich an

Ich sehe das ein: Eine Stadt mit Haushaltssicherungskonzept hat schlechte Voraussetzungen für eine neue Städtepartnerschaft. Und in Zeiten des Personalabbaus sind der Aufbau und die Pflege von Städtepartnerschaften zudem eine besondere Herausforderung.

Aber: Warum sollten wir es nicht versuchen, diese noch immer modernste Art der Bürgerbegegnung auch für Hattingen ins Leben zu rufen? Schließlich gelten Städtepartnerschaften „als größte Friedensbewegung der Welt“, und nur auf die Aufarbeitung der Weltkriege zu setzen, greift dabei heutzutage zu kurz. Dass die Sprecher der sechs Ratsfraktionen der Idee wenig abgewinnen ist die eine Seite. Doch spiegelt diese Ablehnung auch tatsächlich die Meinung der Hattinger Bürger wieder, die über Jahre immer wieder Partnerschaften ins Gespräch gebracht haben?

Ulm hat  übrigens als einzige deutsche Großstadt keine klassische Städtepartnerschaft, führt aber – wie viele andere Städte und Gemeinden auch – durchaus freundschaftliche Beziehungen zu bestimmten internationalen Gemeinden ohne offiziellen Partnerschaftsvertrag. Köln hingegen ist gleich mit 23 Städten partnerschaftlich liiert.

Viele Hattinger Schulen setzen bereits Partnerschaften um und organisieren Schüleraustausch-Reisen, wie ich recherchiert habe:

Gymnasium Holthausen

  • Jedlik Anyos Gimnazium Budapest/Ungarn – seit 33 Jahren

Gymnasium Waldstraße

  • Clitheroe Royal Grammar School Lancashire/Großbritannien
  • Liceo Scientifico Statale „G.B.Quadri“ Vicenza/ Italien

Gesamtschule Welper

  • ISTITUTO D’ISTRUZIONE SUPERIORE STATALE „M.K.GANDHI“ in Villa Raverio/Italien
  • Zespol Szkol Elektrycznych Krosno/Polen – seit 1997
  • englische Schule (in Planung)

Realschule Grünstraße

  •  Partnerschaft mit Schulde in den Niederlanden
  • Partnerschaft mit Schule mit Ruanda
  • Partnerschaft mit Schule mit Israel (geplant)
  • Partnerschaft mit Schule in Polen (geplant)

Doch das muss nicht genügen – besonders, wenn Bürgerinnen und Bürger bereit sind, Arbeitskraft und Begeisterung in solch ein Gemeinschaftsprojekt einfließen zu lassen.

Beim Rat der Gemeinden und Regionen Europas gehen nach wie vor Gesuche ausländischer Kommunen nach deutschen Partnerschaften ein. Der Wunsch nach freundschaftlichen Beziehungen ist also weiterhin vorhanden und das ist doch ein schönes Zeichen. Den Vorstoß des Bürgermeisters für eine Städtepartnerschaft darf man allerdings nicht gegen andere Aktivitäten wie Investitionen in den Kinder- und Jugendbereich ausspielen. Wenn sich Bürger und gewählte Ratsvertreter gemeinsam an einen Tisch setzen und offen Vorteile und Risiken abwägen, entsteht vielleicht ein ganz anderes Bild im Hinblick auf die Gestaltung der Einen Welt. Und vielleicht kann sich Hattingen dann schon 2018 oder 2019 am Landeswettbewerb „Europa bei uns zuhause“ beteiligen, so dass Gelder aus dem Etat von Europaminister Holthoff-Pförtner auch zu uns fließen. Zudem sind Förderungen aus dem EU-Programm „Europa für Bürgerinnen und Bürger 2014-2020“ möglich.

Städtepartnerschaften sind sowohl Zeichen als auch Anregung einer aktiven Bürgerbeteiligung. Ich denke, dass eine gefühlte Mehrheit der Hattinger für eine Städtepartnerschaft ist! Sie muss vielleicht nur von unten initiiert werden, um Zukunft zu haben – quasi als Bürgerpartnerschaft, wenn sich die Politik mit einer Städtepartnerschaft so schwer tut.“

Lars Friedrich
Vorsitzender Heimatverein Hattingen/Ruhr
Hattingen, 19. März 2018

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