Ostdeutsche Heimatstuben

Nach zweijähriger Vorbereitungszeit wurden am 17. Oktober 1962 mit einem Festakt im Alten Rathaus die ostdeutschen Heimatstuben im „Haus der Heimat“ am Haldenplatz eröffnet – bestehend aus der Schlesienstube mit Radierungen des Danziger Malers Paul Kreisel im Erdgeschoss, einem Archiv und den „Wappen abgetretener deutscher Gaue“ in der Eingangshalle. Der Eröffnung war eine Feierstunde des Bundes der Vertriebenen im Mädchengymnasium an der Bismarckstraße und eine Sitzung der „Fachstelle für Ostdeutsches Volkstum im Westfälischen Heimatbund“ vorangegangen.

Blick in die Schlesienstube der Ostdeutschen Heimatstuben im Bügeleisenhaus im Jahr 1963. Foto: Schiebel

Blick in die Schlesienstube der Ostdeutschen Heimatstuben im Bügeleisenhaus im Jahr 1963. Foto: Schiebel

Der Vorsitzende des Heimatvereins, Dr. Heinrich Eversberg, skizzierte in seiner Rede zur Eröffnung die Idee hinter der Einrichtung der Heimatstuben: „Wir müssen das Bedeutende der einzelnen Stämme, die aus ihrer Heimat vertrieben sind, zu uns holen, ihm Heimstatt geben an unserem Herd, damit jene Schlesier und Ostpreußen und Sudetendeutsche, die unter uns als Mitbürger leben, nicht neutralisiert werden, nicht schemenhafte Teilchen einer Massengesellschaft werden, deren Innerstes zerstört ist.“ Und Bürgermeister Willi Brückner (SPD) betonte: „Die Völkerwanderung war nur ein Rinnsal gegenüber dem Strom, der sich von Osten her zu uns ergoss. Wir alle müssen den eisernen Willen zur Wiedervereinigung aufbringen, sonst bewahrheitet sich das alte Sprichwort: Aus den Augen, aus dem Sinn“.  Der Vorschlag des Heimatvereins, die Stadt Hattingen möge eine Patenschaft für eine ostdeutsche Stadt übernehmen, war noch 1960 vom Hauptausschuss der Stadt Hattingen abgelehnt worden.

Die "Danziger Ecke" im Ostdeutschen Archiv der Heimatstuben. Die Bilder aus Danzig (u.a. Marienkirche, Langer Markt, Krantor) stiftete Luise Kock, den Teller der "Bund der Danziger". Foto: Sammlung HVH

1968: Die „Danziger Ecke“ im Ostdeutschen Archiv der Heimatstuben. Die Bilder aus Danzig (u.a. Marienkirche, Langer Markt, Krantor) stiftete Luise Kock, den Teller der „Bund der Danziger“. Foto: Sammlung HVH

Für die Einrichtung der ostdeutschen Heimatstuben sprach, dass nach dem Krieg die Bevölkerungszahlen der Stadt Hattingen durch den Zuzug von Flüchtlingen und Vertriebenen um 75 Prozent angestiegen war: Am 1. November 1961 lebten 30.210 Einwohner in Hattingen, darunter 9.733 „Heimatvertriebene“und „Sowjetzonenflüchtlinge“ (fast 30 Prozent) – siehe dazu auch die Infografiken auf der Seite „Vertrieben und Geflüchtete„. Im März 1962 hatte der Heimatverein Hattingen den Westfälischen Heimatbund über seine Planung informiert: „Im Heimathaus werden vier Räume in Verbindung mit den Vertriebenen als ostdeutsche Heimatstuben eingerichtet. Zwei Räume werden als Archiv und Museum dienen für die Sammlung des ostdeutschen Kulturgutes in der Stadt Hattingen, im dritten Raum wird eine ostdeutsche und westfälische Bücherei aufgestellt, der vierte Raum bekommt den Charakter einer schlesischen Heimatstube und wird den Vertriebenen und Landsmannschaften sowie dem Heimatverein als Sitzungs- und Arbeitszimmer zur Verfügung stehen.“

 

Blick in die Heimatstube der Siebenbürgen Sachsen im Museum im Bügeleisenhaus. Foto: Heimatverein Hattingen/Ruhr

Blick in die Heimatstube der Siebenbürgen Sachsen im Museum im Bügeleisenhaus. Foto: Heimatverein Hattingen/Ruhr

In einem am 24. März 1962 veröffentlichten „Aufruf an Vertriebene“ appellierten der Bund der Vetriebenen, die Arbeitsgemeinschaft vertriebener Frauen und der Leiter der Heimatstuben gemeinsam an die ostdeutschen Landsleute der Stadt, sie mögen sich am Aufbau des ostdeutschen Kulturzentrums in Hattingen beteiligen: „Dieses versinkende, kostbare heimatliche Kulturgut wollen wir mit vereinten Kräften retten und der Nachwelt erhalten. (…) Erwünscht sind auch Berichte über die Flucht und das Leben in den Flüchtlingslagern.“

Die Betreuung der ostdeutschen Heimatstuben hatte der aus Schwerin geflüchtete Vermessungsingenieur Erich Klemt (1910-1989), Vorsitzender der Landsmannschaft Berlin- Mark- Brandenburg in Hattingen und Mitglied im Vorstand des Heimatvereins, übernommen. Er organisierte vom 9. bis 14. Februar 1963 auch die erste Sonderausstellung einer Landsmannschaft im Heimathaus zur „Landschaft und Kultur der Mark Brandenburg“, die drei Räume einnahm. Und schon am 13. Oktober 1963 folgte eine von der aus Hermannstadt stammenden Grafikerin Hildegard Schieb kuratierte Verkaufsausstellung siebenbürgischer Volkskunst der Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen e.V.

Blick in die Heimatstube der Siebenbürgen Sachsen im Museum im Bügeleisenhaus. Foto: Heimatverein Hattingen/Ruhr

Blick in die Heimatstube der Siebenbürgen Sachsen im Museum im Bügeleisenhaus. Foto: Heimatverein Hattingen/Ruhr

 

Bereits 1965 musste der Heimatverein feststellen, dass „die Vertreter der Vertriebenen außerhalb des Heimatvereins nicht bereit sind, im Rahmen des Heimathauses mitzuarbeiten.“ So wurden Schlesienstube und ostdeutsches Archiv aufgelöst und die Sammlung Siebenbürgische Volkskunst unter Regie des Heimatvereins ausgebaut. Da nur auf wenige Originalstücke zurückgegriffen werden konnte, wurden von einem Schreiner Stühle und eine Bank neu angefertigt und nach alten Mustern bemalt. Krüger und Teller wurden beim „Siebenbürgenheim“ in Rimsting bestellt und verschiedene Gegenstände mit Mitteln des Arbeits- und Sozialministeriums (5.000 Mark) und des Kreises (2.000 Mark) u.a. vom „Siebenbürgisch-Deutschen Heimatwerk“ in Wiehl angekauft. Letztlich wurden Trachten und bestickte Fellmäntel, eine neu angefertigte Christleuchte, Grafiken und ein Modell einer Kirchenburg ausgestellt. Aber auch Holzschnitte von Hildegard Schieb, die ab 1966 auf Empfehlung von Dr. Molitoris die neue Dauerausstellung „Sammlung Siebenbürgische Volkskunst“ betreute, gehörten zu den Exponaten. Nach Hildegard Schiebs Umzug in das Altersheim in Wiehl-Drabenderhöhe 1973 übernahm Birgit Eversberg die Leitung der Siebenbürger Heimatstube.

2002 wurde die Heimatstube der Siebenbürger Sachsen im Museum im Bügeleisehaus in Hattingen geschlossen – der Großteil der Bestände wurde als Dauerleihgabe der Siebenbürger Heimatstube Drabenderhöhe im Oberbergischen Kreis überlassen.

Archivierten die Heimatstuben am Haldenplatz bloß die verklärten Schönheiten eines verlorenen Paradieses, statt sich Flucht und Vertreibung kritisch zu stellen? Welchen Stellenwert nahm diese diffuse Heimatsehnsucht in den ostdeutschen Heimatstuben in Hattingen ein? Was erinnert heute in Hattingen an die Heimat der Kriegsflüchtlinge und Vertriebenen? Diesen Fragen spürt die Sonderausstellung „Volkskunst für die Wiedervereinigung: Die ostdeutschen Heimatstuben in Hattingen“, ein offizieller Beitrag zum Europäischen Kulturerbejahr 2018 SHARING HERITAGE, unter Verwendung vieler zeitgenössischer Ausstellungsobjekte nach.

SHARING HERITAGE

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Erinnern Sie sich noch an die Heimatstuben am Haldenplatz?

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