Die Cahns. Eine jüdische Familie in Hattingen

Zwischen Integration und Verfolgung: Ab dem 6. Oktober 2018 erzählen der Heimatverein Hattingen/Ruhr und das Stadtarchiv Hattingen in der Sonderausstellung „Die Cahns. Eine jüdische Familie in Hattingen“ im Museum im Bügeleisenhaus anhand von Fotos, Texten, Dokumente und Objekten die Geschichte der Familie Cahn, die von 1856 bis 1938 eine Metzgerei in der Hattinger Altstadt führte. Vier der sieben Kinder von Nathan und Amalie Cahn wurden von den Nationalsozialisten ermordet.

Für die Ausstellung wurde zudem ein Online-Stammbaum erstellt, der hier eingesehen werden kann. Informationen zum jüdischen Leben seit dem Mittelalter in Hattingen finden sich hier.

Familie Cahn. Foto: Sammlung Kamp

Familie Cahn. Foto: Sammlung Kamp

Die Ausstellung „Die Cahns. Eine jüdische Familie in Hattingen“ ist ein Beitrag des Heimatvereins zur Gedenk- und Aktionswoche für Toleranz und Demokratie – gegen das Vergessen, die unter der Überschrift „Hattingen hat Haltung“ steht. Zu sehen ist die Sonderausstellung samstags, sonntags sowie an allen Feiertagen von 15 bis 18 Uhr. Sonderöffnungen für Schulen, Vereine, Verbände und interessierte Kleingruppen sind jederzeit vormittags auch außerhalb der Museumsöffnungszeiten möglich. Kontakt: info@buegeleisenhaus.de

Links im Bild: Die Metzgerei N. Kahn (nicht Cahn) an der Bruchstraße 5. Am 8. März 1907 hatte Nathan Cahn das Haus von dem Eisenbaner Friedrich Röhr für 6.000 Mark erworben. Vor dem Haus geht nach links die Wasserstraße ab. Foto: Stadtarchiv Hattingen

Im Bild links: Die Metzgerei N. Kahn (nicht Cahn) an der Bruchstraße 5. Am 8. März 1907 hatte Nathan Cahn das Haus von dem Eisenbaner Friedrich Röhr für 6.000 Mark erworben. Vor dem Haus geht nach links die Wasserstraße ab. Foto: Stadtarchiv Hattingen

Die Familie Cahn

Die Wurzeln der Familie Cahn lassen sich in das rheinische Friesheim zurückverfolgen, wo bereits im 17. Jahrhundert eine jüdische Gemeinde nachweisbar ist. In den 1820er Jahren machen sich Mitglieder der Familie Cahn in der Region durch wirtschaftliche Erfolge auf dem Immobilienmarkt einen Namen.

Amalie und Nathan Cahn. Foto: Stadtarchiv Hattingen

Amalie und Nathan Cahn. Foto: Stadtarchiv Hattingen

Um 1770 wird dort Nathan Joseph Cahn geboren. Sein Enkel Nathan, genannt Norbert Cahn, kommt 1846 ebenfalls in Friesheim zur Welt, das heute zu Erftstadt gehört. Er heiratet die Hattinger Jüdin Amalie Schmidt. Amalies Vater, Salomon Schmidt, wird 1807 in Kirchheim geboren. Salomon Schmidt ist mit Sybilla Cohen verheiratet, der Witwe des Hattinger Kaufmanns Gumpertz. Er erwirbt 1856 das Bügeleisenhaus am Haldenplatz, das er zu einem zeitgemäßen Wohn- und Geschäftshaus umbaut. Da Sybilla Cohen aus erster Ehe zwei unversorgte Töchter hat, wurde Schmidt 1864 das Hattinger Bürgerrecht gewährt.

Nathan Cahn 1926. Foto: Stadtarchiv

Nathan Cahn 1926. Foto: Stadtarchiv

Norbert und Amalie Cahn haben sieben Kinder – Tochter Julie verstirbt 1878 im Alter von einem Jahr und Tochter Hedwig 1930 mit 49 Jahren an einem Herzschlag. Sohn Carl und die Töchter Bertha, Rosalie und Selma werden von den Nationalsozialisten ermordet.

Einzig Johanna, die am 7. Juli 1886 mit ihrer Zwillingsschwester Selma im Bügeleisenhaus das Licht der Welt erblickt, überlebt den Holocaust: Johanna lebt nach ihrer Hochzeit 1913 mit dem Viehhändler Albert Perlstein in Kall in der Eifel. Perlstein hat große Ländereien (9,5 ha Besitz, dazu weitere ca. 10 ha gepachtet) und ist seit mindestens 1927 im Vorstand der Synagogengemeinde des Kreises Schleiden. Der nationalsozialistische Terror trifft die Familie hart, so dass Perlstein im Februar 1938 seinen gesamten Besitz verkauft. Johanna und Albert Perlstein ziehen mit ihren fünf Kindern nach Frankreich und finden nördlich von Reims in Rozoy-sur-Serre eine neue Heimat. 1950 kommen die Perlsteins noch einmal für einen kurzen Zeitraum nach Deutschland, um in Kall Wiedergutmachungsangeleigenheiten zu klären.

In Hattingen stellt 1959 Johannas Perlsteins Schwägerin, Ida Mayer, einen Wiedergutmachungsantrag: Im Hause Cahn an der Bruchstraße 5 (später Große Weilstraße 35) habe sich ihre Aussteuer im Wert von 15.000 Mark befunden, die nach dem Zwangsumzug in das „Judenhaus“ an der Ruhr und der öffentlichen Versteigerung des nach der Deportation zurückgelassenen Mobiliars verschwunden war.

1977 bittet der in Israel lebende Sohn von Rosalie Kamp geb. Cahn die Stadt Hattingen, „uns zu unserem Recht zu verhelfen“ und das Haus Haldenplatz 1, das bis 1941 seiner Tante Selma gehörte, zurückerstattet zu bekommen. 2011 besuchen seine Kinder erstmals das Bügeleisenhaus.

 

Zwischen Integration…

1893 eröffnet Nathan Cahn in der Gemeinde Welper eine zweite Metzgerei im Haus des Schmiedes Friedrich Führer am Haidchen 86. Zu Jahresbeginn 1909 wird er von der jüdischen Synagogengemeinde Hattingen zum Schächter im Schlachthof Hattingen bestellt.

Carl Cahn. Foto: Stadtarchiv Hattingen

Carl Cahn. Foto: Stadtarchiv Hattingen

Amalie Cahn. Foto: Stadtarchiv Hattingen

Amalie Cahn. Foto: Stadtarchiv Hattingen

Karl Cahn hatte wohl schon 1910 nach seiner Heirat mit Amalie „Malchen“ Mayer die Leitung der väterlichen Metzgerei am Standort Bruchstraße 5/ Wasserstraße 2 übernommen. Am 11. September 1929 erwirbt er dann von seinem Vater auch das Grundstück und die beiden Häuser für 22.000 Reichsmarken plus monatlicher Leibrente in Höhe von 230 Reichsmark. Obwohl das Schwein den jüdischen Speisegesetzen nach als nichterlaubtes Tier gilt, schlachten und verkaufen Cahns dieses nichtkoschere Fleisch und erschließen sich somit schon früh Kundenkreise außerhalb der jüdischen Gemeinde.

… und „Entjudung“

1938 verkauft Karl Cahn „in vollkommen freier Übereinstimmung“ die „Rind- und Schweine-Metzgerei mit elektrischem Betrieb N. Kahn“ an der Bruchstraße 5/Wasserstraße 2 (bis zum Abriss 1974 als „Metzgerei Heinz Schlauch“ Große Weilstraße 35) an den Hattinger Metzger Wilhelm „Willi“ Stratmann. In einem ersten notariell beglaubigten Kaufvertrag vom 16. Juli 1938 einigen sich Stratmann und Cahn auf eine Verkaufssumme von 26.000 Reichsmark für Haus und Grund plus 2.500 Reichsmark für das Inventar. Doch am 19. Oktober 1938 wird der Kaufvertrag nach Intervention der Preisüberwachungsstell des Landrates jedoch nach unten korrigiert: Cahn soll jetzt nur noch 18.000 Reichsmarkt für Haus und Grund erhalten, da man die Immobilie auf Grund von Alter und Lage zwischenzeitlich abgewertet hatte. Abzüglich einer Resthypothek von 8.460 Reichsmark zahlt Wilhelm Stratmann letztlich 12.040 Reichsmark auf das Konto von Carl Cahn bei der Sparkasse Hattingen ein und übernimmt das Geschäft zum 1. November 1938. Damit ist die „Entjudung“ dieses, 1856 am Haldenplatz von Cahns Großvater Salomon Schmidt gegründeten jüdischen Hattinger Traditionsgeschäftes, endgültig vollzogen.

Mathilde Löwenstein, Bacia Markus, Mathilde Mühlhaus sowie das Ehepaar Karl und Amalie Cahn kurz vor der Deportation. Foto: Stadtarchiv Hattingen

Mathilde Löwenstein, Bacia Markus, Mathilde Mühlhaus sowie das Ehepaar Karl und Amalie Cahn kurz vor der Deportation. Foto: Stadtarchiv Hattingen

Amalie und Carl Cahn wollten nach dem Verkauf der Metzgerei 1938 und der Inhaftierung Carls im November 1938 im KZ Sachsenhausen nach Chile auswandern – die Zusage zur Einreise erhielten sie vom chilenischen Konsulat am 7. Juni 1939 und im gleichen Jahr sollen „große Anschaffungen“ von einem Wuppertaler Spediteur ins Ausland gebracht worden sein. Anfang November 1939 reist Cahn zusammen mit seiner Frau zur Visaerteilung in das Chilenischen Konsulat nach Berlin. Warum Amalie und Carl Cahn letztlich nicht ausreisen, ist unbekannt.

Zamość, Auschwitz, Sobibor, Riga

Alle 1942 deportierten Juden aus dem ehemaligen Bezirk der Synagogengemeinde Hattingen wurden in Vernichtungslagern getötet. Von Amalie und Nathan Cahns sieben Kindern werden vier von den Nationalsozialisten ermordet: in Zamość, Auschwitz, Sobibor und Riga.

Sohn Carl und seine Frau Amalie müssen im Juni 1941 in das Hattinger „Judenhaus“ im Magazin der alten Gewehrfabrik in der Ruhrstraße 8 umsiedeln, von wo sie am 28. April 1942 amtlich abgemeldet werden. Mit dem zweiten Deportationszug aus dem Regierungsbezirk Arnsberg, der am 27. April 1942 das Sammellager in der Turnhalle des Sportvereins „Eintracht“ am Dortmunder Rheinlanddamm verlässt, kommen sie in das Ghetto Zamość bei Lublin. Dort werden sie ermordet.

Bertha Cahn. Foto: www.geni.com

Bertha Mendel, geb. Cahn. Foto: http://www.geni.com

Tochter Bertha ist seit 1903 mit dem Viehhändler Nathan Mendel aus Linnich verheiratet. Sie emigrieren in die Niederlande und werden von 1942 in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert. Dort wird Bertha Mendel am 27. November 1942 ermordet.

Rosalie Kamp geb. Cahn. Foto: Stadtarchiv Hattingen

Tochter Rosalie ist seit 1911 mit dem Viehhändler und Kolonialwarenhandel Abraham Kamp verheiratet und lebt in Güzenich bei Düren. Sie emigrieren in die Niederlande, werden vom 9. April bis 9. Mai 1943 im SS-Konzentrationslagers Herzogenbusch und bis 20. Juli 1943 im Sammellager Westerbork interniert und in das Vernichtungslager Sobibor deportiert. Dort wird Rosalie Kamp am 23. Juli 1943 ermordet.

Selma Abraham. Foto: Yad Vashem

Selma Abraham. Foto: Yad Vashem

Alfred Abraham. Foto: Yad Vashem

Alfred Abraham. Foto: Yad Vashem

Tochter Selma ist seit 1928 mit dem Metzger und Viehhändler Alfred Abraham aus Meiderich verheiratet. Am 19. Dezember 1940 muss das Ehepaar Abraham ihre Wohnung in Meiderich verlassen und in das „Judenhaus“ am Sonnenwall 92 umziehen. Am 11. Dezember 1941 werden beide vom Güterbahnhof Düsseldorf-Derendorf in das lettische Judenghetto Riga deportiert. Dort wird Selma Abraham wahrscheinlich ermordet.

Albert Perlstein und seine Frau Johanna, geb. Cahn. Foto: Sammlung Büth/Kall

Nachkriegsfoto: Albert Perlstein und seine Frau Johanna, geb. Cahn. Foto: Sammlung Büth/Kall

Tochter Johanna, Selmas Zwillingsschwester, ist seit 1913 mit Albert Perlstein verheiratet und lebte in Kall in der Eifel. Perlstein ist Viehhändler und Vorstand der Synagogengemeinde des Kreises Schleiden. 1938 verkauft er seinen gesamten Besitz und die Familie zieht nach Frankreich. Während der deutschen Besatzung werden die Perlsteins in einem kleinen Dorf in den Pyrenäen auf einem Hof von Bauern versteckt. Albert Perlstein stirbt 1968, Johanna 1972.

Ende der 1960er Jahre: die arisierte Metzgerei Kahn heißt seit 1938 Metzgerei Stratmann. Die Metzgerei in dem aus der Mitte des 18. Jahrhundert stammenden Fachwerkhaus wurde Ende der 1960er Jahre von Heinz Schlausch übernommen. Im Oktober 1974 wurde das Gebäude abgerissen. Foto: Werth/Sammlung Heimatverein

Ende der 1960er Jahre: die arisierte Metzgerei Kahn heißt seit 1938 Metzgerei Stratmann. Die Metzgerei in dem aus der Mitte des 18. Jahrhundert stammenden Fachwerkhaus wurde in den 1960er Jahren von Heinz Schlausch übernommen. Im Oktober 1974 wurde das Gebäude abgerissen. Foto: Werth/Sammlung Heimatverein

Zusammenfassung der aktuellen Rechercheergebnisse: Lars Friedrich, Stand: 06.11.2018

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