Sonderausstellung zum 80. Jahrestag der Pogromnacht

Anlässlich des 80. Jahrestages der Pogromnacht vom 9. November 1938 thematisiert das Museum im Bügeleisenhaus in der Sonderausstellung „Die Cahns – Geschichte einer jüdischen Familie in Hattingen“ von September bis Dezember 2018 das Leben mehrerer Generationen der Familie Cahn, die ab 1856 eine Metzgerei in der Hattinger Altstadt führte.

Links im Bild: Die Metzgerei Kahn an der Bruchstraße 5. Foto: Stadtarchiv Hattingen

Links im Bild: Die Metzgerei Kahn (nicht Cahn) an der Bruchstraße 5. Foto: Stadtarchiv Hattingen

Die Ausstellung erzählt anhand von Fotos und Dokumente die Geschichte der Familie Cahn. Erstmals gemeinsam ausgestellt werden im Brunnenraum des Museums im Bügeleisenhaus u.a. das Anschreibebuch der Metzgerei Cahn, ein von Cahn unterzeichneter Gesellenbrief, die Melde- und Kennkarten der Familie Cahn sowie eine Sonderausgabe der Metzgerzeitung vom 19 November 1926 zum 80. Geburtstag von Nathan Cahn.

Ende der 1960er Jahre: die arisierte Metzgerei Kahn heißt seit 1938 Metzgerei Stratmann. Foto: Werth/Sammlung Heimatverein

Ende der 1960er Jahre: die arisierte Metzgerei Kahn heißt seit 1938 Metzgerei Stratmann. Foto: Werth/Sammlung Heimatverein

Im Oktober 1938, bereits einen Monat vor der „Kristallnacht“, kaufte der Hattinger Metzger Wilhelm Stratmann die „Rind- und Schweine-Metzgerei mit elektrischem Betrieb N. Kahn“ von Karl Cahn an der Bruchstraße 5 – damit war die „Arisierung“ auch dieses, wohl 1856 von Cahns Großvater Salomon Schmidt begründete jüdischen Geschäftes, vollzogen.

Amalie und Nathan Cahn. Foto: Stadtarchiv Hattingen

Amalie und Nathan Cahn. Foto: Stadtarchiv Hattingen

Karl Cahn (10.12.1875 Hattingen) hatte 1910 nach seiner Heirat mit Amalie „Malchen“ Mayer (10.03.1899 Essen-Steele) die Metzgerei, die samt Schlachthaus, Wurstküche und Verkaufsladen bis 1907 noch im elterlichen Haus am Haus Haldenplatz beheimatet war, von seinem Vater Nathan/ Norbert (16.11.1846 Friedheim – 26.03.1933 Hattingen) übernommen. Obwohl das Schwein den jüdischen Speisegesetzen nach als nichterlaubtes Tier galt, schlachtete und verkauften Cahns dieses nichtkoschere Fleisch und erschlossen sich somit schon früh Kundenkreise außerhalb der jüdischen Gemeinde.

Mathilde Mühlhaus (Mitte) sowie das Ehepaar Karl und Amalie Cahn kurz vor der Deportation. Foto: Stadtarchiv Hattingen

Mathilde Mühlhaus (Mitte) sowie das Ehepaar Karl und Amalie Cahn kurz vor der Deportation. Foto: Stadtarchiv Hattingen

Wahrscheinlich wollten Amalie und Karl Cahn nach dem Verkauf der Metzgerei und dem Umzug in die Bruchstraße 40 nach Chile auswandern. Jedoch mussten sie wahrscheinlich im Juni 1941 in das Hattinger Judenghetto in die alte Gewehrfabrik in der Nähe der Ruhrbrücke umsiedeln, wo sie am 28. April 1942 amtlich abgemeldet wurden.  Wahrscheinlich gehörten sie und weitere 13 Hattinger Juden zu dem großen Transport, der am 27. April 1942 das Sammellager in der Turnhalle des Sportvereins „Eintracht“ am Dortmunder Rheinlanddamm in Richtung Zamosc bei Lublin verließ. Dort wurden sie ermordet.

Alle 1942 deportierten Juden aus dem ehemaligen Bezirk der Synagogengemeinde Hattingen wurden in Vernichtungslagern getötet. Und von Amalie und Nathan Cahns sechs Kindern, die das Erwachsenenalter erreichten, wurden vier von den Nationalsozialisten ermordet: in Riga, Auschwitz, Sobibor und Zamosc.

Albert Perlstein und seine Frau Johanna, geb. Cahn. Foto: Sammlung Büth/Kall

Nachkriegsfoto: Albert Perlstein und seine Frau Johanna, geb. Cahn. Foto: Sammlung Büth/Kall

Das Grab der Familie Perlstein in Rozoy-sur-Serre. Foto:  Mairie de ROZOY-SUR-SERRE

Das Grab der Familie Perlstein in Rozoy-sur-Serre. Foto: Mairie de ROZOY-SUR-SERRE

Karls Schwester Johanna (07.07.1886 Hattingen – 06.04.1972 Paris) lebte seit ihrer Hochzeit 1913 bei ihrem Mann Albert Perlstein (10.3.1889 Bonn – 1968 Rozoy-sur-Serre) in Kall in der Eifel. Perlstein war Viehhändler mit großen Ländereien (9,5 ha Besitz, dazu weitere ca. 10 ha gepachtet) und seit mindestens 1927 im Vorstand der Synagogengemeinde des Kreises Schleiden. Die in der NS-Zeit zunehmenden Repressalien hatten die Familie hart getroffen und besonders Johanna litt darunter. Aus diesem Grund verkaufte Perlstein im Februar 1938 seinen gesamten Grundbesitz an den Landwirt Wilhelm Keutgen, und die jüdische Familie zog nach Frankreich. Ab dem 18. September 1950 waren die Perlsteins dann für kurze Zeit erneut in Kall gemeldet, wohl um Wiedergutmachungsangelegenheiten zu klären (1).

Erich Perlstein.

Albert Perlstein und Johanna geb. Cahn hatten fünf Kinder – Heinz (10.01.1920 – 31.05.1940), René (1922-1977), Erich (geb. 03.07.1915), Otto (geb. 31.03.1922) und Ruth (geb. 27.05.1914).

Ruth Perlstein.

Im Familiengrab auf dem Friedhof von Rozoy-sur-Serre sind Albert und Jeanne (Johanna), Rene und seine Frau Yolande geb. Pinard (1926-2005) sowie Henri (Heinz, gefallen am 31.05.1940 als Soldat der französischen Armee im Kampf gegen die Deutsche Wehrmacht in Maule) bestattet. Wahrscheinlich verstarb Johanna in Paris, da ihre Todesurkunde als 255/1972 beim Standesamt 75 Paris 16 registriert wurde. Erich und seine Frau wurde wohl in Paris beigesetzt, wo er einen Friseuersalon betrieb. Tochter Ruth Perlstein, verehelichte Frankenhuis, lebte in den Niederlanden.

Selma Abraham. Foto: Yad Vashem

Selma Abraham. Foto: Yad Vashem

Alfred Abraham. Foto: Yad Vashem

Alfred Abraham. Foto: Yad Vashem

Johannas Zwillingsschwester Selma (07.07.1886 Hattingen) heiratete am 3. Mai 1928 den 49-jährigen Metzger und Viehhändler Alfred Abraham (16.04.1892 Duisburg) aus Meiderich. Er entstammte einer traditionellen Metzgerfamilie und hatte 1906 den elterlichen Betrieb in Meiderich übernommen. Selma zog nach der Hochzeit zu ihrem Gatten nach Meiderich. Aus erster Ehe hatte Alfred Abraham bereits drei fast erwachsene Söhne, Heinz (geboren 1907), Erwin (geboren 1908) und Werner (geboren 1911). Diese wanderten zwischen 1936 und 1939 nach Paraguay bzw. Palästina aus und brachten sich so vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten in Sicherheit.

Das Grab von Amalie und Nathan Cahn in Hattingen. Foto: LRF/HAT

Das Grab von Amalie und Nathan Cahn in Hattingen. Foto: LRF/HAT

Die Mutter, Amalie Cahn geb. Schmidt (30.05.1847 Hattingen – 18.07.1940 Duisburg), wohnte bis Dezember 1939 an der Bruchstraße 40 in Hattingen und zog dann zu ihrer Tochter Selma nach Duisburg, wo sie verstarb. Beigesetzt wurde sie in Hattingen im Familiengrab auf dem jüdischen Friedhof an der Blankensteiner Straße.

Am 19. Dezember 1940 musste das Ehepaar Abraham die Duisburger Wohnung verlassen und in das „Judenhaus“ am Sonnenwall 92 umziehen. Nur ein Jahr später wurden die Beiden, vermutlich am 11. Dezember 1941, in das lettische Judenghetto Riga deportiert. Gemeinsam mit ihrem Ehemann wurde Selma Abraham, geb. Cahn, am 15. Oktober 1964 durch Beschluss des Amtsgerichts Duisburg-Ruhrort für tot erklärt. Als Zeitpunkt des Todes ist der 31. Dezember 1945, 24.00 Uhr, festgestellt worden.

Weitere Geschwister

Karl, Johanna und Selma Cahn hatten noch vier weitere Geschwister:

Bertha Cahn. Foto: www.geni.com

Bertha Mendel, geb. Cahn. Foto: http://www.geni.com

Bertha Cahn (26.08.1874 Hattingen – 27.11.1942 Auschwitz).

Verheiratet mit Nathan Mendel (27.10.1872 Linnich – 19.11.1939 Hengelo). Kinder: Rosa (23.12.1903 Linnich – 02.04.1989 Amsterdam) [ verheiratet mit Max Cohen (16.12.1901 Hengelo – 1941 Mauthausen), deren Kinder: Jessurum, Ruth, verheiratet mit Max Erlichmann], Paula (11.01.1905 Linnich – 10.04.1927 Linnich), Leo (13.02.1906 Linnich – 2000 in Mexiko) [verheiratet mit Linda Grünebaum].

Julie Cahn (27.06.1877 Hattingen – 01.07.1878 Hattingen).

Rosalie Kamp geb. Cahn. Foto: Stadtarchiv Hattingen

Rosalie Cahn (16.05.1879 Hattingen – 23.07.1943 Sobibor).

Verheiratet mit Abraham Kamp (17.04.1877 Berg/Nideggen – 23.07.1943 Sobibor). Kinder: Erich (10.02.1915 – nach 1977 Israel), Herta (16.12.1912 – 25.01.1943 Auschwitz).

Hedwig Cahn (06.05.1881 Hattingen –  15.11.1930 während eines Kuraufenthaltes in Bad Nauheim).

Verheiratet mit Sally Baum (1879 – 21.03.1965 Wanne-Eickel). Kinder: Grete (09.12.1905 Wanne-Eickel – gest. in Israel) [verheiratet mit Hans Traub (10.04.1902 – gest. in Israel)], Hans (04.04.1908 Wanne-Eickel – 1988 Hengelo), Edith (09.12.1912 Wanne-Eickel – 12.06.2010 News York). [verheiratet mit Siegfried Samson Schames (31.12.1898 – 02.01.1967 New York).

 

Weiterführende Informationen zu Selma Abraham und dem für sie vor dem Museum im Bügeleisenhaus verlegten Stolperstein finden Sie im Internetangebot des Hattinger Stadtarchives. Zahlreiche biographische Angaben zur Familie Cahn wurden dem Portal http://www.geni.com entnommen; vielen Dank den zahlreichen ehrenamtlichen Mitarbeitern dieser Online-Datenbank.

(1) Judenverfolgung und Fluchthilfe im deutsch-belgischen Grenzgebiet, H.-Dieter Arntz, Kümpel Verlag 1990
Weitere verwendete Quellen: Stadtarchiv Hattingen, Georg Toporowsky (Schleiden), Hubert Büth (Kall)

Zusammenfassung der aktuellen Rechercheergebnisse: Lars Friedrich, Stand: 22.06.2018

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